Kein Gramm zu viel: Mein Tag gegen die kleinen und großen Betrüger

Eigentlich fing alles ganz friedlich an – zumindest für lokale Verhältnisse. Gestern war ich mit dem Stiefsohn auf dem Jahrmarkt in der alten Burg, um Geschirr einzukaufen und ein bißchen Frühlingsluft zu schnappen. Nachdem ich meine „Beute“ beisammen hatte, kamen wir noch an einem Gebäckstand vorbei, Maqrud, das Kilo zu 30 Dinar wie in Echbika auf dem Weg von und nach Tunis. Passt, dachte ich.
Kennst du das, wenn Händler versuchen, dir mit einem Lächeln das Doppelte von dem unterzujubeln, was du eigentlich bestellt hast? Ich wollte ein Kilo Maqrud und 250 Gramm Marshmallows für den Stiefsohn. Der Verkäufer strahlte mich an und packte munter 1,3 Kilo Gebäck und mehr als ein halbes Kilo Zuckerzeug ein. Ich ahnte es schon, da sich der Karton kaum schließen ließ.

Aber nicht mit mir. Nicht gestern.

Ich ließ ihn alles wieder auspacken. Gramm für Gramm. Ich hasse es, durch diese sanfte Nötigung zum Kauf gedrängt zu werden. Mit dem Sieg der Prinzipienreiterin im Gepäck stieg ich in mein Auto.

Die Rückfahrt dauerte, denn gerade hat die eine Woche Winterferien begonnen und es herrscht viel Verkehr. Direkt hinter dem Kreisverkehr in Ksar passierte es: Ein kleiner, frecher Golf 4 meinte, er passe noch genau in die Lücke zwischen meinem Wagen und einem parkenden Sprinter. Spoiler: Er passte nicht. Ein hässliches, knirschendes Geräusch begleitete seinen Versuch, mich rechts zu überholen. (mit Tempo 20, während ich Tempo 10 fuhr). Meine rechte Autoseite war nun um eine unschöne Gravur reicher.

Der Fahrer hielt ein paar Meter weiter an. Ich? Ich war im Tunnel. Hektisch suchte ich mein Handy – Foto machen, Beweise sichern, meinen Mann anrufen. Mein Arabisch und Französisch sind in solchen Stressmomenten ohnehin nicht existent.

Der Golf-Fahrer stieg aus, würdigte mich keines Blickes, untersuchte kurz seinen eigenen Kotflügel und warf meinem Stiefsohn im Vorbeigehen an den Kopf: „Sie hat mich geschrammt!“ Dann stieg er ein und verschwand im Staub der Straße. Unverschämter Macho!

Heute Morgen, 9:00 Uhr. Polizeistation.

Drei Stunden saßen wir dort fest. Drei Stunden Warten auf harten Stühlen, bis der Chef endlich Zeit für uns hatte. Er tippte das Kennzeichen des gegnerischen Autos in seinen Computer, stutzte und sah uns an. „Dieses Kennzeichen gehört zu einem Renault. Angemeldet in Kasserine.“

Kasserine? Das sind 120 Kilometer von hier.

„Wollen Sie wirklich vor Gericht gehen?“, fragte mich der Beamte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ich blieb stur: „Ich will nur, dass er den Schaden bezahlt.“ Mein Mann meinte: vielleicht ist er arm, und jetzt machst du Probleme. So viel ist ja nicht passiert. Ich überlegte: „soo“ arm kann er nicht sein, gebrauchte Autos sind teuer, und von VW erst recht. Er hat ja die Wahl, sich an die Regeln zu halten, wenn er „arm“ ist. Dann passiert sowas nicht.

Draußen, endlich wieder an der frischen Luft, rückte mein Mann mit der Sprache heraus. „: „Er ist wahrscheinlich selbst Polizist.“

Die Logik dahinter war so tunesisch wie das Maqrud vom Vortag: Kasserine liegt nahe des Djebel Chambi, des höchsten Berges von Tunesien. Wegen der Terroristenverstecke dort gibt es auf dem Weg nach Gafsa so viele Kontrollen, dass niemand – absolut niemand – es mit falschen Kennzeichen unerkannt durch die Checkpoints schaffen würde. Es sei denn, man gehört zum selben Verein.
Nicht, dass die Polizei ihn nicht selbst finden will, das schon. Aber eben kein öffentliches Aufsehen, weil es dem gesamten Ruf der Polizei schaden könnte. Nur der Bruder meines Mannes, ebenfalls Polizist, war begeistert und will sich persönlich um den Fall kümmern…..

Katze im Polizeirevier

 „Polizei und kriminell?“, zischte ich. Mein Mann wollte deeskalieren, doch bei mir ratterte es im Kopf. Ich dachte an meinen anderen Polizisten-Schwager, den Ehegatten seiner jüngeren Schwester. Der Mann, der Frau und Kinder schlägt, der seine Dienstwaffe wie ein Cowboystiefel-Accessoire privat herumträgt und seit Jahren Auto fährt, ohne jemals eine Fahrschule von innen gesehen zu haben und keinen Führerschein besitzt. Obendrein ist er noch geizig. Unbedingt die richtige Mischung, die mich triggert. “Wenn es ein Polizist war, dann erst recht. Ich lasse mir nicht das Auto zerkratzen und mir dann noch einreden, ich sei schuld – nur, weil der Täter eine Marke trägt und deswegen glaubt, dass er unantastbar sei. Zum Glück sind die Zeiten von Ben Ali vorbei, in der die Polizei machen konnte, was sie wollte.

Nun warten wir mal ab, was passiert, ob was passiert und bis dahin verspeise ich genüsslich mein Hüftgold und erfreue mich an meinen neuen Tellern und Schüsseln. Bald ist Ramadan, da werden sie auf jeden Fall zum Einsatz kommen 🙂



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