Krank sein in Tunesien

Nein, ich nicht, zum Glück!
Bereits vor zwei Jahren, beim ersten kurzen Blick in das hiesige Krankenhaus, habe ich beschlossen, dass ich hier nicht krank werden werde….soweit ich das steuern kann natürlich, inshallah!
Heute morgen, 6h: Der mittlere Bruder hat eine Nierenkolik. Vorausgehende (zahlreiche) Ermahnungen mehr zu trinken sind ungehört verhallt, ein Araber lässt sich schließlich nichts vorschreiben. Und natürlich kommt sowas immer dann, wenn es ganz unbrauchbar ist: nachmittags werden Gäste erwartet, die Kinder müssen zur Schule, es ist Montag und der Kühlschrank ist leer, ein Großeinkauf fällig.
Zunächst wird der jüngere Bruder geweckt, er wohnt nebenan. Danach die Mutter, die ihre Wohnung ebenfalls nebenan hat. Man beschließt, die jüngere Schwester zu holen, weil die sich im Krankenhaus am besten auskennt: sie arbeitet halbtags in der Krankenstation der Polizei. Nachdem auch sie die Eigendiagnose bestätigt hat, wird ein Taxi gerufen. Die Mutter besteht darauf, den Patienten noch mit einer Parfumwolke ein zu nebeln. Ohne Parfum geht hier nix, auch die Kinder werden morgens vor der Schule besprüht. Bruder und Schwester fahren selbstverständlich mit. Ich bin eigentlich überflüssig, mangels Sprachkenntnissen, aber natürlich neugierig wie immer.
Gegen 8h sind wir im „mustaschfa“, Krankenhaus. Es herrscht Maskenpflicht (an die sich nicht alle halten) und am Eingang wird kontrolliert (mir ist nicht ganz ersichtlich, was genau, vermutlich nur die Maske?).
Zuerst geht’s zur Anmeldung, Papierkram erledigen wie in Deutschland auch. Doch danach wird man erst mal zur Kasse gebeten. Zumindest die, die keine Krankenversicherung haben, das sind auf dem Land die meisten. Krankenversicherung gibt es hier nur für fest angestellte. Selbstständige, Künstler oder Bauern haben keine Möglichkeit, sich zu versichern.
So löhnen wir also 12 Dinar, 4 Euro, und dafür wird dem Patienten in einem leeren Zimmer mit drei Betten ein Zugang gelegt und er bekommt einen Tropf, der entspannen soll.  Es ist nicht teuer, aber es kommt auch auf die Krankheit an. Ich habe schon Gruppen von jungen Leuten im der Stadt gesehen, die für die Behandlung von Krebskranken mit Plakaten, Megaphon und Flugzetteln gesammelt haben.
Unter dem zweiten Bett liegt eine leere Plastikflasche, die Betten sind mit weißem Kunstleder bezogen und sehen ziemlich versifft aus, sind offensichtlich aber abwasch- und desinfizierbar.
Nach einer Weile geht es weiter zur Radiologie. Nachdem wir dort eine Weile saßen, wird uns mitgeteilt, dass das Gerät wohl nicht funktioniert und wir woanders hin müssen. 15 Minuten Fußweg durch morgendliches Verkehrschaos. Die moderne Praxis, die wir nun betreten, unterscheidet sich in Rezeption und Warteraum in nichts von einer deutschen, mit der Ausnahme, dass hier einige auf ihren Handys telefonieren, arabisch (=laut), so dass alle alles mithören können. Das Röntgenbild ist schnell gemacht, kostet umgerechnet 20 Euro (60 Dinar) **zur besseren Einschätzung: der aktuelle Mindestlohn beträgt 111 Euro / Monat bei einer 40Std Woche**
und es geht wieder 15 Minuten Fußweg zurück, da das einzige leere Taxi sich weigert, uns mitzunehmen, zu kurz sei die Strecke.
Nochmal kurz im Drei-Bett-Zimmer warten. Inzwischen liegt auf dem zweiten Bett ein Mann, der an Hand- und Fußgelenken mit Kabeln angeschlossen wird, die aussehen wie die Starterkabel von meinem Auto. Die Krankenschwester ist (Corona-)vermummt, also nicht nur mit Kopftuch, sondern darüber hat sie noch eine OP-Mütze, einen hauchdünnen Fleece-Kittel, OP-Schuh-Überzieher und blaue Handschuhe. Damit befestigt sie dem anderen Patienten die „Starterkabel“ und entnimmt „unserem“ wieder den Zugang. Ich überlege, wen sie mit den Handschuhen jetzt geschützt hat. Die Patienten eigentlich nicht, oder?
Der Arzt kommt, kickt auf dem Flur noch keck den Deckel einer Getränkeflasche weg, bevor er den Kranken über seinen Nierenstein aufklärt und ihm ein Rezept in die Hand drückt.
Wir holen noch die Medikamente, dann wieder ein Taxi und machen uns auf den Heimweg.
Wer dachte, „das wars jetzt“, der irrt gewaltig. Denn jetzt geht’s erst los. Jetzt läuft das „System Großfamilie“ zur Hochform auf. Denn die Buschtrommel hat inzwischen alle informiert. Wer auch immer grade miteinander Streit hat, für die erforderliche Zeitspanne wird dieser bei Seite gelegt. Beleidigt sein kann man dann danach wieder.
Um sich das besser vorstellen zu können: Die ältere Schwester redet derzeit nicht mit der jüngeren Schwester und dem jüngeren Bruder (also den beiden, die den Kranken begleitet haben). So muss sie also den älteren Bruder anrufen, damit der den jüngeren anruft, um zu erfahren, was genau die Diagnose ist. Der mittlere Bruder (also der Kranke) redet eigentlich auch grade nicht mit der älteren Schwester. Trotzdem ist sie zwei Stunden später da, bringt frischen Couscous und sitzt eine Stunde an seinem Bett, um sich mit ihm zu unterhalten. Die jüngere Schwester hat inzwischen auch mitgekriegt, dass der geplante Einkauf wegen des Krankheitsfalles ausgefallen ist, so bringt sie kurz darauf zwei riesige Einkaufstaschen mit Lebensmitteln, von denen einige sicher zwei Wochen reichen: 3 kg Mehl, 5 kg Couscous, Gemüse, Tomatenmark, Milch, Kuchen für die Kinder und etliches mehr. Die Frau des älteren Bruders, mit der der Kranke eigentlich auch grade nicht redet, weil sie in der letzten Saison die Oliven zu billig verkauft hat und somit auch seinen Olivenpreis gedrückt hat, kommt ebenfalls, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Die Frau des jüngeren Bruders bringt gleich nach unserer Rückkehr gegen 10.30h Kaffee und Kuchen und später dann Petersilienwasser. Das soll harntreibend sein (oder so).
Stündlich kommt jemand vorbei und schaut nach dem Kranken, auch wenn dieser vielleicht grade eingeschlafen ist, und es nahe läge, ihn schlafen zu lassen. Oder aber es klingelt das Telefon. Für mich: zum wahnsinnig werden! Ich konnte mich erst bei meiner zweiten Erkältung durchsetzen, dass ich weder Essen noch Besuche will, sondern nur meine Ruhe.

Wäre der Kranke jetzt einige Tage im Krankenhaus, so bliebe er dennoch nicht „alleine“ (bis auf Nachts). Wirklich alleine sein ist ein Kunststück, das höchstens ein Mann, der abgelegen auf dem Land lebt, fertig bringt, vielleicht, von Zeit zu Zeit…..Frauen sind höchstens mal alleine zu Hause, aber selten gerne, im Gegensatz zu mir, weil sie keine Beschäftigung haben, von kochen, putzen, Kinder hüten mal abgesehen. Ins Krankenhaus bringt man eigenes Bettzeug (Kissen, Decken etc) mit. Meist liegt und schläft man in Tagesklamotten, denn die anderen drei bis sieben Patienten im Zimmer bekommen ja auch den ganzen Tag Besuch, und nicht ein oder zwei Personen, sondern drei, fünf….. Abgesehen davon besitzen scheinbar nur wenige sowas wie Schlafanzug oder Nachthemd. Die Frauen tragen auch im Bett ihr Kopftuch, denn sonst könnten die Männer der Mitpatientinnen ja nicht zu Besuch kommen.
Das Essen wird in der Regel von der Familie gebracht. Entweder teilen sich die Familienfrauen das Kochen und Besuchen, oder sie kochen für die Familie des Kranken mit und dessen Ehefrau sitzt dann den ganzen Tag bei ihrem Mann. Die Kinder werden mitversorgt und beaufsichtigt, zur Schule gefahren (wenn nötig) und wieder abgeholt.
Dieses System hat sich durch lange Jahrhunderte etabliert und stützt im Prinzip den Staat. Der Staat ist für seine Bürger nur eine sehr unzureichende Hilfe – verglichen mit den europäischen Gesundheitssystemen. Wäre die Ausstattung in den Krankenhäusern besser, wäre es hier durchaus akzeptal, denn die Ärzte haben in der Regel in Frankreich studiert und sind nicht schlecht.

Eine erschwingliche gesetzliche Krankenversicherung, die alles abdeckt, täte allerdings not, was ja nicht zwangsläufig hieße, dass das Familienversorgungssystem überflüssig wäre.

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