Al Marriage – die Hochzeit

Absichtlich habe ich al marriage betitelt, nicht französisch le, denn der Begriff „Hochzeit“ wird hier fast nur auf französisch gesagt, der Titel selbst bleibt arabisch, statt „al äris“ eben „al marriage“.

Die Hochzeit vom Schwager ist vorbei. ALHAMDULILLAH! Dabei hab ich kaum was gemacht. Die beiden Schwestern des Bräutigams haben tagsüber neben ihrer Familienarbeit ja noch hier den Hof geputzt und geräumt, seit Tagen, schon fast Wochen. Und sich abends rausgebrezelt und bis zum Schluss geblieben, und das ist immer recht spät.  Ich hab höchstens ein Dutzend Kilo Kartoffeln geschält,

bin mit nach Tunis gefahren, hab dort im feuchten Mittelmeerklima noch mehr geschwitzt, bin zurück gefahren. Bin mit nach Metlaoui gefahren und zurück. Und ansonsten ein bisschen trommeln und Stimmung machen. Abends tanzen, soweit möglich.
Was aber für mich mega anstrengend ist: ständig die ganzen Leute, ständig Krach, Geträllere, Getrommel, Musik aus der Dose, Geschrei von Erwachsenen, Kindergeschrei, Gehupe, Autos und Mopeds, die kommen und gehen, Geklopfe an der Türe, permanente Handytelefoniererei, lautstarkes Gequatsche das ich nicht verstehe, Streitereien, schrille Frauenstimmen. Und dauernd jemand, der was will oder braucht. Das Auto, einen Teller, ein Messer, einen Kartoffelschäler, Wasser, Platz in unserem Kühlschrank, ein Verlängerungskabel, Nadel und Faden, ein Ladekabel fürs Handy, Lippenstift, einen Föhn…..
Sich zurückziehen wird nicht akzeptiert. Dann kommt eine nach der anderen und auch einer nach dem anderen, bis man nur noch die Wahl hat, extrem unhöflich zu sein oder mitgehen muss.
Ich versuch es der Reihe nach. Denn die Abläufe haben diesmal etwas variiert durch den Umstand, dass die Braut in Tunis wohnt(e), aus Metlaoui stammt und jetzt zum Bräutigam nach Gafsa gezogen ist. Die übliche Reihenfolge ist Gesswa (Vertrag), Henna (Geschenke), Äris (eigentliche Hochzeit).

Am Mittwoch, 28.8., feierte die Braut bereits in Tunis ihren Hennaabend mit ihrer Familie und ihren Freundinnen von dort. Sie bekommt am Hennaabend auch normalerweise die Geschenke von allen. Die Geldgeschenke bekommt ja der Bräutigam an diesem Abend. Die Braut bekommt „normale“ Geschenke, die dem Anlass entsprechend ausgewählt sind. Der Hennaabend ist eigentlich der zweite Abend, wenn der Ehevertrag schon gemacht ist. Das war er in diesem Fall noch nicht.

Am Donnerstag fuhren also Bräutigam und Familie aus Gafsa nach Tunis, das sind 6 Stunden Fahrt obwohl es nur rund 350 km entfernt ist, weil es fast ausschließlich Landstraße ist. Nur das letzte Stück ab Sousse ist Autobahn. Wir wollten mit dem Auto fahren und nicht mit dem gemieteten großen Bus, damit wir unabhängig waren und ich plante, am nächsten Tag mit den Kindern nach La Goulette an den Strand zu gehen und erst abends zurück zu fahren. Auf halber Strecke, das ist in Echbika, machen wir immer Kaffeepause und trafen uns diesmal dort auch mit dem Bus, mit dem wir die restliche Strecke gemeinsam fuhren. Besser gesagt: ich fuhr voraus, der Bus hinter mir her, und mein Mann lotste uns mit Handynavigation, denn in Tunis kannte sich keiner von uns aus und wir mußten in ein Viertel hinter Bardo, also einmal quer durch die ganze Stadt.
Es hatte drei Tage geregnet in Tunis und als wir einen Parkplatz in einer engen Gasse gefunden hatten und ausstiegen, umfing uns dämpfig schwüle Luft wie in einem Badezimmer, wo grade jemand 30 Minuten heiß geduscht und das Fenster nicht geöffnet hat. Oh, Gott und jetzt noch in diese warmen Klamotten…..
Zuerst ging es aber zum Haus der Braut, wo uns im geräumigen Innenhof zahlreiche Verwandtschaft erwartete. Die neuangekommenen Frauen bekamen ein Zimmer zum Umkleiden zugewiesen, in dem auch schon die Matratzen vorbereitet waren für uns, die erwarteten Übernachtungsgäste. Das Zimmer war stickig und warm, trotz offener Fenster, kein Ventilator, keine Klimaanlage. Da stand dann schon mal fest: hier übernachte ich mit Sicherheit nicht, weil ich da eh nicht schlafen kann.
Doch wir stellten erst mal nur die Taschen ab und gingen wieder zurück und ein Stück weiter zu einem angemieteten Hochzeitssaal, wo wir mit leckerem Essen bewirtet wurden. Couscous mit Mandeln, slata tunsia, slata meshwiya, Lammfleisch, Tadschien, Obst, Kuchen. Nach dem Essen mussten wieder alle zurück ins Haus, diesmal zum Umkleiden und Aufbrezeln. Ich hatte mich schon zu Hause geschminkt – und wozu gibt es Fixierspray? Das ist bei der Hitze einfach genial. Sonst wäre ich nach einer halben Stunde schon völlig zerlaufen gewesen.
Gegen 22 Uhr waren wir dann endlich im Saal. Die Band spielte flotte aktuelle tunesische Schlager und zwei der Bandmitglieder waren weiblich. Sie trugen schwarze leggings und weiße Blusen, eine hatte einen flotten Kurzhaarschnitt, die andere lilarosa Haarverlängerung – sowas sieht man im Süden nicht. Sie tanzten und trommelten auf der Bühne. Das gibts halt nur in Tunis. Cool. Da der Saal nur mit Frauen gefüllt war, konnten wir tanzen, was die Schuhe hergaben. Erst gegen 23 h erschien dann der Bräutigam, das Paar schritt zum Podest und dort wurde dann, mit Qran-Versen umrahmt, der Ehevertrag gemacht. Die Braut saß während der Unterschrift auf dem Sofa, unterschrieben wurde von Papa und Ehemann…..

Für die kleinen Mädchen ist jede marriage ein großes Ereignis. Schon vierjährige lassen sich Henna auflegen und warten stundenlang, bis sie bei der Friseuse dran kommen..

Danach ging es noch eine Weile weiter mit Tanzen, dann folgten die üblichen Fotosessions. Jeder, der mit der Braut aufs Foto wollte, konnte sich dazustellen.
Gegen 1 h war Schluss. Alle, die mit dem Bus mitgefahren waren und eigentlich übernachten sollten, fuhren jetzt direkt wieder mit dem Bus zurück. Das war kurz mal eben so beschlossen worden.
Und eine Minute, bevor wir uns vom Tanzsaal entfernen wollten, hieß es, dass wir die Braut ins Haus zurückbringen müßten. „Ich wußte, dass das kommen wird. Das ist immer so, wenn man ein Auto hat. Da wird man einfach eingesetzt!“ kommentierte mein Mann verärgert. Also was sich so einfach anhört, ist es nicht: die Braut mit ihrem voluminösen Brautkleid passte kaum ins Auto. Dann konnten wir auch nicht in die Gasse, wo sie wohnte, denn da standen bereits Autos und mehr als eines hatte da nicht Platz. Wir mußten also warten, bis die alle rausgefahren waren.  Solange ging ich mit den Kindern schon mal vor, wir konnten uns ja inzwischen umziehen.
Endlich alles erledigt und wir wollten zu dem Hotel, was wir ausgesucht hatten. Leider schon voll. Das nächste auch, das nächste auch. Vorher planen und buchen? Kein Drandenken, Araber sind ja generell auch keine Frühbucher. Man weiß schließlich nie, wie Allah sich zwischenzeitlich entscheidet. Irgendwann nach einer Stunde suchen, fanden wir in der Innenstadt noch ein freies Zimmer im 9. Stock eines Businesshotels. Die Kinder fandens schick.

Am nächsten Tag, Freitag, war ja Strandtag geplant gewesen. Doch wir hatten unsere Pläne ohne die Familie gemacht. Wir sollten jemanden mit nach Gafsa nehmen, weil der im anderen Auto keinen Platz mehr hatte, denn das nächste Brautkleid war so üppig, dass es schon ohne Braut kaum transportiert werden konnte. 2000 TD (ca 700 Euro) kosten die drei Kleider an Leihgebühr. Manche zahlen dazu nochmal soviel für „maqiage“ (make up) und Friseur, Fingernägel und Henna. Das heißt: drei tunesische Durchschnittsmonatsgehälter für die Show und das ist nur ein kleiner Teil davon. So gingen wir zwar zum Strand, hatten aber nicht das ganz reine Vergnügen: alle zehn Minuten klingelte das Handy, wann wir denn jetzt endlich losführen…..
Der Versuch, nochmal von La Goulette durch die ganze Stadt zu fahren, um unseren Mitfahrer abzuholen, ging gleich schief. Es war Stau ohne Ende. Man traf sich also bei der ersten Mautstation.
Die erste Hälfte der Strecke fuhr diesmal ich und daher konnte ich nicht erkennen, was das für seltsame Gegenstände waren, die Männer an langen „Angeln“ in die Straße hielten.
„Chamäleons“. Bitte was? Wozu braucht man denn Chamäleons? Werden die gegessen? Nein, die werden für alles Mögliche verwendet, als Medizin zum Beispiel. Aber die sind schon tot, oder? Nein, nein, die leben noch. Das gehört jetzt zwar nicht zur Hochzeit, aber ich finde es allemal spannend: Zu Hause googelte ich eine Weile bis ich fündig wurde. Im Buch von Siegfried Seligmann, ‎Juergen Zwernemann von 1999 fand ich folgende Aussagen:
„ … Bei den ShawiaBerbern in Wadi Abdi (Algerien) wird ein Chamäleon getötet und sein Fleisch getrocknet und pulverisiert. Das Pulver wird mit Wasser oder Milch gemischt zum Gurgeln bei Halsschmerzen gebraucht. … gegen bösen Blick, Halsschmerzen und allgemein Krankheiten“. Gut möglich, dass es dieser Aberglaube über die Grenze geschafft hat, Algerien ist ja nicht weit. Und gerade im Süden besteht die arabische Bevölkerung aus Angehörigen ehemaliger Berberstämme.
Zu Hause angekommen, wurde dort schon wieder fleißig gefegt und geräumt, geputzt und dekoriert und gekocht. Abends werden die Schafe geschlachtet, wieviele es diesmal sind, hab ich nicht mitbekommen. Letztes Mal waren es drei, je nach Größe kostet eines zwischen 500-800 Dinar (160-250 Euro).

Am Samstag ist dann der Hennatag für den Bräutigam. Da wird ohne Braut gefeiert und dem Bräutigam von seinen Freunden und Nachbarn, Brüdern und Schwägern die Geldgeschenke übergeben. Die Regel ist: mindestens dasselbe, was der Bräutigam bei der Hochzeit des Gebers gegeben hat, wenn möglich aber das Doppelte. Das funktioniert auch variabel: man kann z. B. im Namen des 3jährigen Sohnes etwas geben. Bei dessen Beschneidungsfest kommt das dann zurück.
Regen ist angekündigt. Der erste Regentag seit Mai? Es werden noch Partyzelte aufgestellt. Die würden sich im Sommer bei der Hitze auch gut machen, dachte ich so. Der Hof ist wie üblich aufgeteilt in Männerecke und Frauenecke. Dazwischen ist die Tanzfläche. Gegen 21h startet eine Mizwid-Band, eine Musikgruppe, 20190316_163028die überwiegend traditionelle Musik auf traditionellen Instrumenten spielt und auch den Ausruf für die Geldgeschenke macht, d.h. Namen und Summe des Gebers durchs Mikrofon schreit. Die Musik ist sehr rhythmusbetont. Gut zum Tanzen. Doch leider sind viele viele Freunde des Bräutigams da, die auch alle gerne tanzen, so haben die Frauen heute das Nachsehen und daher bin ich auch schon kurz nach Mitternacht im Bett. Rumsitzen und Männern beim Tanzen zusehen, ist ja ne Stunde ganz nett, aber dann ist auch gut.
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Als ich zu unserer Haustür komme, stehen einige junge Männer mit einem Bottich voll Wasser davor. Darin befinden sich Bierflaschen. Offiziell wird kein Alkohol getrunken, nirgends steht eine Flasche. Zum Trinken geht man(n!) raus auf die Straße und kommt dann wieder rein. Und niemand fragt, wieso soviele auf der Tanzfläche torkeln oder sich sturzbesoffen auf den Boden setzen. Bevor einer zu auffällig wird, wird er von Freunden kameradschaftlich nach draußen gebracht. Es müssen alle mitspielen bei diesem Doppelmoral-Theater. Hier nennt man das „Respekt“. D.h. man(n) raucht, aber nicht vor Mutter, Vater oder einem älteren männlichen (!) Verwandten. Man(n) trinkt heimlich, jeder riecht es und merkt es, aber keiner darf die Flasche sehen. Und Frauen? Sie rauchen nicht und trinken nicht, basta! Hier im Süden jedenfalls offiziell nicht. Bisher hab ich zwei Frauen in der Öffentlichkeit rauchen sehen, eine alleine im Café, die andere im Imbissrestaurant mit ihrem Mann. Es gibt hier neben dem Supermarkt einen Laden für Alkohol. Ich als Frau kann mir da aber keinen Wein kaufen. D.h. gesetzlich natürlich schon, aber das macht lieber mein Mann für mich, das ist besser für seinen (und meinen) Ruf. 😉

Sonntag ist der große Tag, Äris. Tagsüber wird wieder geputzt und gekocht. 20190901_145536

Am Nachmittag bringen wir den Brautcouscous nach Metlaoui zur Familie der Braut, bekommen dort Cola und ein paar Kekse und fahren wieder zurück.20190901_212941
Der Hof ist diesmal noch gigantischer herausgeputzt, mit Hängedekoration und einem roten Teppich zum Sofa des Brautpaars. Heute spielt eine Orientalische Band, aber erst später.  Gegen 20h ist es bereits voll mit Frauen und es laufen aktuelle Hits von der CD.  Da keine Männer anwesend sind, nutzen die Frauen die Gelegenheit und tanzen ausgelassen. Auch später sind nur ganz wenige Männer zu sehen, so dass sich die Frauen heute richtig austoben können. Gegen 21 h fahren einige Autos nach Metlaoui, um die Braut zu holen. Um 23 h trifft das Brautpaar dann endlich ein und wird mit Trommeln und Fahnenschwenkern durch den Hof auf ihr Sofa geleitet.
Der Bräutigam hat an alles gedacht, auch der Druck auf die Tränendrüse kommt nicht zu kurz. Später spielt die Band ein Lied, in dem das Wort „ummi“ mehrfach vorkommt, „meine Mutter“, und der Bräutigam tanzt mit seiner Mutter eng umschlungen.
Danach ist wieder ausgiebige Fotosession in allen Variationen. In bin gespannt, wie die Braut morgen in echt aussieht, sie ist ja die neue Schwägerin und wohnt ab sofort hier.
Heute trägt sie mindestens 2 Reihen falsche Wimpern, weißes Makeup, das hier überaus beliebt ist und die Frauen aussehen läßt wie japanische Geishas

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„Geisha-Make up“

und einen Glitzerippenstift in knall pink. Sie hat die Haare nicht offen, sondern geht muslimisch verpackt bis zum Hals, ganz in weiß. Gegen 1 h ist wieder Schluss. Durchatmen.
Montag. Endlich Ruhe? Von wegen, schon wieder höre ich Sagarit-Geträllere im Hof nebenan. Traditionell wird der Braut heute von ihren Eltern ein Kleid überbracht. Also gibt es Tee und Gebäck, es sind Gäste da und es wird getrommelt und getanzt im Hof.
Tag Sieben nach der Hochzeit > „Soboa“. Einige Tage später ist Soboa, der siebte Tag nach der Hochzeit, an dem die Braut traditionell ihr Elternhaus besucht. Dazu braucht man natürlich wieder unser Auto.
Jetzt ist aber dann gut? Ja, nachdem wir dann ein paar Tage später die Mutter der Braut auch nach Hause gefahren haben, scheint dies die vorerst letzte Aktion gewesen zu sein.
Halleluja! Der Bräutigam bekommt hier automatisch 30 Tage Urlaub nach der Hochzeit – die braucht er allerdings auch 🙂

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