Das islamische Opferfest – Eid el Adha

Seit drei Wochen blökt es schon im Hühnerverschlag gegenüber, weil Schwiegermutters Opferschaf dort einquartiert wurde. Die eingeweichte Kleie scheint nicht ganz seinen Geschmack zu treffen; vielleicht fühlt es sich auch einsam unter Hühnern. Ich gebe ihm ab und zu eine Schüssel von unserem Couscous, eingeweicht, und das hartgewordene Baguette, damit ich wenigstens in Ruhe Kaffee trinken kann. Nicht mehr lang bis zum Eid el Adha, dem Opferfest. Auch wir brauchen noch ein Schaf. Ohne geht es nicht. Denn das Schaf ist so  unverzichtbar wie der Christbaum und die Geschenke bei den Christen an Weihnachten. Es müsste kein Schaf sein, auch ein Kamel oder eine Ziege sind als Opfertiere akzeptiert. Je nach Geldbeutel und Wohngegend. Ein Schaf kann bis zu einem durchschnittlichen tunesischen Monatslohn kosten, zwischen 400 bis 900 Dinar. Kein Wunder also, dass so mancher am Vorabend vor dem Fest stolz mit ihm im Viertel herumspaziert, damit es ein jeder bewundern und ihn beneiden kann. Doch das trifft eher auf die Städte zu.
In unserem Viertel indes schallt vermehrt Geblöke aus den Nachbarhöfen, da bekommt man dann auch mit, wer schon alles seinen Festtagsbraten eingekauft hat.
Jahrelang hatte Abraham (Ibrahim) auf ein Kind gewartet, so steht es im Koran, in der Thora und in der Bibel, bis ihm seine Frau – 90jährig – den ersehnten Sohn gebar. Doch sein Glaube an Gott war so unumstößlich, dass er den Knaben ohne Zögern geopfert hätte, wenn Gott ihn nicht in letzter Sekunde gegen einen Widder eingetauscht hätte.
Ein Nachbar hat geklopft und uns ein kleines Schaf angeboten für 300 Dinar. Aber es ist erst fünf Monate alt und wir lehnen ab. Sechs sollte es doch mindestens sein. Es wird herumtelefoniert und schließlich bekommen wir ein Schaf vom Sohn des Cousins. Doch erst dürfen wir ein Foto sehen und die Kinder entscheiden, ob sie es wollen oder nicht.

Sie finden es „simha“, schön. Mit einem meiner Yogagurte auf dem Tuktuk festgebunden, wird es schon eine Stunde später gebracht, von allen Kindern ausgiebig bewundert, mit etwas Heu und Couscous gefüttert und darf zum Kollegen.
Am Tag vor dem Fest kommt dann noch das dritte Schaf vom ältesten Bruder an. Jetzt blökt das Trio gemeinsam.
Geschlachtet wird nach dem Morgengebet des Festtags. Aber am Vorabend wird erst noch Slata Meschwiya vorbereitet, pikanter gegrillter Paprikasalat. Nach Sonnenuntergang wird der Kanoun angeworfen, das metallene Kohleöfchen, und in der Glut werden grüne Paprika, Zwiebeln und Tomaten rauchig gegrillt, bevor sie gehäutet und mit viel Knoblauch und Kumin zu einem Dipp zermörsert werden. „Die nächsten vier Tage gibts nur Slata Meschwiya von morgens bis abends“, witzelt der Neffe.
Während das Gemüse grillt, sitzen die Frauen um einen kleinen Tisch im nächtlichen Hof und schneiden im Licht einer Handylampe Berge von Petersilie und Mangold. Zusammen mit Reis, Minze, Chili, Ras el Hanout und Knoblauch werden damit morgen die Innereien wie Herz, Nieren, Leber und Magen des Schafes kleingeschnitten in die gesäuberten Därme abgefüllt (Usban) und größtenteils eingefroren, ein Teil am anderen Tag als Couscous zubereitet.

Und das Fleisch wird zuerst aufgeteilt in Drittel oder Viertel. Nur einen Teil davon darf die Familie behalten, der Rest muss verschenkt werden an Familienmitglieder, die sich gerade kein Fleisch leisten können oder arme Bekannte.
Am Festtag um halb sieben klopft es bei uns an der Hoftür. Hilfe wird gefordert, das erste Schaf ist schon ausgeblutet. Einer schneidet es um ein Fußgelenk auf und bläst es mit dem Mund auf. Die Luft, die eingeblasen wird, tritt zwischen die Maschen des Zellgewebes und trennt dadurch die Haut vom Fleisch, so daß sich dann erstere mittels eines scharfen Messers ganz leicht abziehen läßt.

Die Frauen haben schon die Kohle in den Öfchen angezündet und die Schüsseln bereitgestellt, dazu aufgeschnittene Zitronen, ein Schälchen Kumin-Salzmischung, Bretter, Messer, alles liegt griffbereit. Auch die Kinder haben, gebastelt aus Blechkanistern, ihre Mini-Kanouns und kleinen Fächer, um das Feuer zu schüren und warten auf ihre Kohlestückchen, auf denen sie dann ein Stückchen von der Leber braten dürfen. Den ganzen Vormittag begleiten Korangesänge aus der Konserve den Schlachtbetrieb; drei Stunden später sind die Männer fertig mit Ausnehmen und Zerlegen der drei Schafe.

Irgendwann habe ich zwei Schüsseln an Teilen und eine Schüssel mit Innereien in der Küche. Ich bin froh um mein superscharfes Filetiermesser, mit dem sich Fett, Sehnen und Häute relativ einfach entfernen lassen. Alles wird eingetütet in Couscous-kompatible Portionen, die Innereien gewaschen und im Ganzen eingefroren. Mein Usban mach ich ein anderes Mal, wenn es wieder Petersilie auf dem Markt gibt.

NadauSchüsseln

Die Därme werden gewaschen

Immer am Eid läuft das Wasser nur spärlich, denn der Bedarf ist heute enorm. Draußen muß das Blut weggewaschen und drinnen die Schüsseln gespült werden.
Als endlich alles erledigt ist, nehm ich das Orangenöl und verteile es in der Küche und auf mir. Der Geruch von Blut, Darminhalt und Magen hat mir schon den Appetit verdorben, auch wenn ich keine Veganerin bin und früher selber Schafe, Enten und Gänse geschlachtet habe. Auch damals hatte am Schlachttag eigentlich niemand so recht Lust auf das Essen der gerade geschlachteten Tiere. Außer einem Stückchen Leber und einem ziemlich versalzenen Brocken Fleisch habe ich daher auch bis zum Nachmittag nichts zu mir genommen. Manche fasten aus religiösen Gründen am Tag vor dem Fest, und damit sie am Festtag selber richtig zugreifen können. Ich mach mir später lieber Pfannkuchen und dann noch Yoga und bin froh, dass das Gemetzel vorbei und auch das Geblöke beendet ist.

3 Gedanken zu “Das islamische Opferfest – Eid el Adha

  1. Meret schreibt:

    Du schreibst so lebendig, dass ich das Gefühl habe, selber mit dabei zu sein, das Blöken der Schafe mich irritiert und mich beim Eiatmen von Orangenduft vom Schlachten erhole. Wunderbar, Eva, so viel Leben bei dir, Danke fürs Teilen. Grüsse aus der Schweiz, Meret

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