Sugar, oh honey honey

Vor einiger Zeit wollten wir zu Tante Lina, Schwester der Schwiegermutter. Sie wohnt in Metlaoui. Wegen Diabetes wurde ihr ein großer Zeh amputiert. Die Mutter ist dort und hilft ihrer Schwester im Haushalt.
Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass man von zu viel Zuckerkonsum Diabetes bekommen kann. Aber das ist eine nicht greifbare, abstrakte Drohung. Es bekommt ja schließlich nicht jeder Diabetes, der auch viel Zucker konsumiert. So hofft man sich selber auf der ungefährdeten Seite.
Ich bin recht schnell dazu übergegangen, meinen eigenen ungesüßten Tee zu den Nachmittagspläuschchen der Frauen mit zu bringen. Denn was mir da in den kleinen Gläschen angeboten wird, ist Zucker mit Tee, nicht umgekehrt. Leider bin ich ein „Insulin-Typ“, wie mir mein Heilpraktiker sagte und soll Zucker und Kohlehydrate meiden. Hier im Land der Weißbrot-, Zucker-, Couscous- und Makruna-Esser eine echte Herausforderung.

Aus Langeweile Nachmittageweise zusammensitzen, extrem süßen Tee trinken und Kekse mampfen ergibt zusammen mit null Sport oder Bewegung wie Walken oder Joggen sowie einer Kohlehydratreichen Hausmannskost in aller Regel Übergewicht bei Frauen. Nahezu 100% der Frauen sind – spätestens ab dem ersten Kind – davon betroffen. Manche mehr, manche weniger. „Dürr“ ist kaum eine, „Kerze im Rock“ wird sie dann spöttisch genannt. 
Es gibt Sportstudios, die auch Gymnastik für Frauen oder etwas Ähnliches wie Zumba anbieten. Das können sich nur wenige leisten, zumal neben den Studiokosten auch noch Anfahrtskosten zu berücksichtigen sind. Der Kauf und Unterhalt eines Gebrauchtwagens ist teurer als in Deutschland, daher gibt es nur wenig Autobesitzer und so müsste frau mit dem Taxi fahren oder der Mann bringt sie mit seinem Moped (Mopeds haben viele, aber auch nicht alle).  Doch vor allem mangelt es den meisten Frauen  schon an der Erlaubnis des Ehemannes, dorthin zu gehen. Frau kann da ja möglicherweise anderen Männern begegnen. Und es könnte getratscht werden. So findet man dort eher die jungen, gebildeten Frauen, die unverheiratet und berufstätig sind als solche, die mit Ehemann  und  Kindern behaftet sind.

Doch die meisten Frauen wollen gar nicht dünn sein. Sie wollen „curvy“ sein, weil sie glauben, dass Männer das mögen, und deshalb essen sie absichtlich lieber noch eine Extraportion. Fett ist natürlich nicht gleich curvy und so manche jammert dann über ihren Fettbauch, was aber reine Polemik bleibt. Weder der Fettbauch noch die Diabetes-Diagnose wird sie davon abhalten, bei den haja helwa, den süßen Sachen, kräftig zu zugreifen. Grundsätzlich hilft ein Gebet zu Allah auch hier besser als der Verzicht auf Süßes und Weißbrot. So, wie bei einem engen Freund, der zwar gertenschlank ist, aber nächtens haufenweise Süßkram in sich reinstopfte und schließlich die Diagnose bekam. Jedoch heilten ihn seiner Überzeugung nach nicht das tägliche Joggen und die Medikamente, sondern seine Gebete.  Die Tante hat selbige wohl unterlassen, denn ihr musste der Zeh amputiert werden, dennoch kein Anlass, die Ernährung zu überdenken, wie ich später feststellen konnte. Doch noch hat sie Glück.
Als ich vor Jahren mit einem ägyptischen Bekannten dessen Onkel in Port Said (Ägypten) besuchte, trank dieser schon viele Jahre seinen Tee mit sechs Löffeln Zucker. Ein kleines Teeglas fasst 85 ml. Sechs Löffel Zucker wiegen knapp 50g. Der Tagesbedarf laut WHO liegt bei 25 g, also drei Löffeln Zucker bei Frauen, unwesentlich mehr bei Männern.
Und von diesen Teegläsern trank er – wie so viele andere auch –  täglich etliche. Ein Jahr später erreichte uns der Anruf, dass Onkel Sayed beide Beine amputiert worden waren. Ein weiteres Jahr danach folgte die Todesnachricht.

Der Zuckerkonsum in orientalischen Ländern ist nichts weniger als eine Sucht.
Dass Zucker eine Droge ist und nachhaltig unsere Psyche beeinflusst, außer „leeren“ Kalorien auch pharmakologische Wirkungen hat, hat schon der deutsche Lebensmittelchemiker Udo Pollmer wissenschaftlich fundiert ausgeführt. Und sicher gibt es derartige Informationen auch auf arabischen Websites, die wahrscheinlich kaum einer liest. Zucker beruhigt. Säuglinge schreien weniger mit Zucker im Fläschchen. Sobald ihr Mund Süßes wahrnimmt, verstummen sie. Mit Zucker schlafen viele Menschen besser durch, empfinden Anstrengungen weniger stark und ertragen leichter Schmerzen.
Zucker hebt die Stimmung und macht abhängig, weil er in den Stoffwechsel einer bestimmten Substanz im Gehirn eingreift: des Serotonins. Dieser Botenstoff ist ein sogenannter Neurotransmitter, der uns Wohlbefinden vermittelt. Serotonin beeinflusst den Schlaf-Wach-Rhythmus, unser Sexualverhalten, die Aggressionen, Impulsivität, Gedächtnis, Selbstmordneigung, Appetit, Angst und nicht zuletzt unser Lebensgefühl. Wieviel Serotonin sich im Gehirn befindet, hängt unter anderem davon ab, was wir essen. Wenn wir Zucker naschen, so schüttet der Körper Insulin aus. Das lnsulin sorgt dafür, dass im Gehirn Serotonin entsteht. Schokolade funktioniert noch besser, denn es enthält neben dem Zucker bereits Tryptophan, eine Vorstufe des Serotonins. Depressive leiden an einem Mangel an Serotonin, und fast alle Psychopharmaka manipulieren den Serotoninstoffwechsel. Auch im Labor funktioniert das: Tryptophan, in Verbindung mit Zucker verabreicht, löst eine milde Euphorie aus.

Das wären, so far, die eher positiven Nebenwirkungen des Zuckerkonsums, abgesehen vom Suchtpotential. Doch gibt es neben diesen auch eine ganze Reihe negative. Neben kaputten Zähnen ist in erster Linie das Übergewicht zu nennen. Und warum Zucker mehr zum Übergewicht beiträgt als seine schiere Menge an Kalorien, liegt daran, dass der Körper sofort Insulin ausschüttet, sobald Zucker ins Blut gelangt, denn zu viel Zucker im Blut ist schädlich und muss vorrangig abgebaut werden. Doch solange der Zucker in der Blutbahn kreist, bleibt das Fett in den Zellen quasi eingesperrt. Zucker verhindert den Fettabbau!  

Das im Orient so beliebte Weißbrot und andere Kohlehydrate sind nicht viel besser. Denn Zucker ist der Basisbaustein aller Kohlehydrate: Stärke wird in Zucker verwandelt und bewirkt genau dasselbe. Durch meine Low Carb Kochkurse sind mir diese Funktionen vertraut, doch leider kann man sich den Mund fusselig reden, um diese Zusammenhänge zu beschreiben und wenn man die Sprache nicht beherrscht, ist es doppelt schwierig. Ein Leben ohne Zucker, das sagen die ungläubigen Mienen der Zuhörerinnen, ist quasi nicht lebenswert. Ein schneller Griff zum Kuchenteller zusammen mit schrillem Gelächter fegt die unangenehmen „ich sollte“- Gefühle beiseite.
Als Yogalehrerin weiß ich außerdem: Zucker greift noch weiter in unseren Stoffwechsel ein. Er macht die Faszien zäh und trägt mit fortschreitendem Alter enorm zur Unbeweglichkeit und Gelenksteife bei. Zucker ist bei allen Herz-Kreislauf-Erkrankungen beteiligt und auch Krebszellen ernähren sich von Zucker. 
Ich persönlich bin überzeugt, dass das äquivalente Suchtmittel, welches der Alkohol im Westen darstellt, in den islamischen Ländern der Zucker ist. Was besser oder schlechter ist, ist relativ. Zucker macht nicht aggressiv, Zuckermangel kann es jedoch. Der Gesundheit ist beides nicht zuträglich, aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber den Rotwein behalten und auf den Zucker verzichten.
Ein anderes Resultat aus dem allseits verbreiteten weiblichen Übergewichts finde ich dagegen recht sympathisch: Die Schauspielerinnen der beliebten Unterhaltungsserien  werden scheinbar nicht danach ausgesucht, ob sie dem amerikanischen Standardmodell eines idealen Frauenbildes entsprechen. Selbst bei den Nachrichten und beim Wetterbericht sieht man relativ junge Frauen mit Pölsterchen. Bei den hier sehr beliebten türkischen Liebesschnulzen und Soap-Operas hingegen sieht es schon wieder anders aus: perfekt gestylte wunderschöne Frauen mit Modell-Maßen leiden mit ebensolchen Männern in perfekten Wohnungen, mondänen Urlaubshotels, hippen Arbeitsplätzen oder schicken Autos um die Wette.
Aussehen und Umwelt dieser Protagonisten haben jedoch mit dem reellen Alltag von 99,9% aller Frauen in islamischen Ländern nichts gemein, sowie die Bollywoodfilme in Indien nichts mit der indischen Normalo-Frau zu tun hat. Es sind Märchen für Erwachsene, um sich aus dem ereignislosen Alltag zu beamen.
Natürlich eifern junge Mädchen diesen Vorbildern nach. Nur: kaum ein Ehemann würde sie so geschminkt und gekleidet auch nur zum Tante-Aischa-Laden an der Ecke gehen lassen.
Also bleibt der Hüftspeck dran, die Djebba drüber und gut ist.


Auf dem Beitragsfoto sieht man eine Maschine, die den Saft aus frischem Zuckerrohr presst (Ägypten, 2010)

3 Gedanken zu “Sugar, oh honey honey

  1. groni schreibt:

    Super toll geschrieben. Leider gibt es bei uns in Deutschland auch uneinsichtige Menschen. Ich selber habe fast 40 Jahre meines Lebens geraucht, März 2017 bekam ich einen Herzinfarkt. Ich habe am nächsten Tag, meine Zigaretten meinem Nachbarn mitgegeben. Und bin seitdem Rauchfrei. Ein anderer Nachbar von mir hat 3 Schlaganfälle und einen Herzinfarkt gehabt, und raucht wie ein Schornstein. So stelle ich mir das auch bei Zucker und andere Produkte vor, sie machen süchtig, ich bin selber Typ 2 Diabetiker (Tabletten). Ich lebe Low Carb, hat aber auch gedauert auf vieles zu verzichten.

    Danke dir für den Einblick in eine andere Kultur, ich finde es immer sehr interessant.

    Gruß
    groni

    • 1001food.de schreibt:

      Liebe Groni, da kann ich mitreden. Ich hab sogar einen Cousin, der ein Sauerstoffgerät auf dem Rücken trägt und trotzdem raucht.
      Ich hab auch über 30 Jahre geraucht, bis zu 3 Päckle am Tag. Mehrere Aufhör-Versuche scheiterten. Erst als das Rauchverbot für die Kneipen kam, hab ich aufgehört. Ich wollte mich nicht als süchtig outen, und wie der Hund vor dem Metzgerladen stehen…..“Süchtige müssen draußen bleiben“.
      Zum Glück hab ich auch exzessiv Sport getrieben und ständig ängstlich auf meine Kondition geachtet: Hat sich was verändert? Komm ich aus der Puste?
      Inzwischen bin ich seit 2007 rauchfrei. Alhamdulillah!
      Und: unfreiwilligerweise auch seit 1 Jahr Alkoholfrei 🙂

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