Die Sache mit den Büchern in der arabischen Welt

Yasmina ist wieder da mit Baby und möchte jeden Abend Leute um sich haben, denn Karim geht in sein Café und läßt seine Frau alleine. Viel zu sagen haben sie sich offenbar nicht. Zweckehe zum Kinderkriegen von Cousin und Cousine. Ich hab aber auch keine Lust, und vor allem keine Zeit, dauernd bei ihr rum zu hängen. Hab Babyschühchen gehäkelt und setze mich abends ne Stunde zu ihr. Niemand kann sich hier selber beschäftigen. Das Leseinteresse läßt allgemein sehr zu wünschen übrig. Fernsehen und Handyspielen ist das einzige.
Mein Spitzname ist ≫Scheicha≪, die Wissende. Wenn ich kein Häkelzeug dabei habe, dann aber auf jeden Fall meinen Kindle. Außer Kinder mit Schulbüchern habe ich hier noch niemanden mit Buch gesehen. Neben der Schule gibt es eine Bibliothek, aber man kann nicht ausleihen, nur dort lesen. So wie hier mit den Sachen umgegangen wird, ist das wohl sinnvoll.

In Tunesien, obwohl eines der wenigen arabischen Ländern mit akzeptabler Bildung und einer relativ geringen Analphetenquote von 17,7 (2020) – zum Vergleich: in Deutschland sind es 12% – , lesen nur 50% der Lesekundigen regelmäßig oder ab und zu ein Buch, in Deutschland 97%. Im Iraq oder in Ägypten, wo die Analphabetenquote noch über 20% ausmacht, lesen jedoch 90% der Lesefähigen. Kairo schreibt, Beirut druckt, Bagdad liest, so heißt es. Insgesamt haben die arabischen Länder am Weltanalphabetentum jedoch einen Anteil von 20%, Europa und Zentralasien nur 1,5%.
Das kommt nicht von ungefähr.
Als Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, zwischen den Jahren 1440 und 1450 seine Druckerpresse mit beweglichen Buchstaben erfand, leitete er damit eine schleichende Revolution ein, nämlich eine Demokratisierung der Verteilung von Informationen. Der Buchdruck ermöglichte erstmals die massenhafte Verbreitung von Wissen, Nachrichten und Meinungen frei von Kontrolle durch Staat und Kirche was langfristig große gesellschaftliche Umwälzungen beförderte. Er war dadurch eine der Triebfedern für das Zeitalter von Renaissance und Aufklärung und unterstützte den Aufstieg des Bürgertums. Die gewonnene Freiheit wurde aber bald der staatlichen Zensur und Verfolgung unbequemer Publizisten und Drucker unterworfen; die Pressefreiheit in demokratischen Staaten ist bis heute eine umkämpfte Errungenschaft und in vielen islamischen Staaten nur ein frommer Wunschtraum.  Das hat Tradition.
Der osmanische Sultan Beyezid II. (1481-1512) erkannte nämlich das Potential von Gutenbergs bahnbrechender Erfindung und verbot im Jahr 1483 die Benutzung der Druckerpresse im gesamten Reich für alle Muslime. Juden und später auch Christen durften zwar die Druckerpresse importieren, jedoch keine arabischen Bücher drucken und keine Bücher an Muslime abgeben. Und das, obwohl das erste Wort im Koran lautet: ≫Iqra! Lies!≪ Dieses Verbot wurde erneuert und mit der Drohung der Todesstrafe belegt  durch seinen Sohn Selim I. und blieb bis 1727 bestehen.
Nie mehr konnte die arabische Welt dieses Jahrhunderte lange Defizit aufholen und liegt bis heute, was die Buchproduktion und den Buchkonsum pro Kopf der Bevölkerung betrifft, weltweit am untersten Ende. 20-30.000 Neuerscheinungen sind es pro Jahr, gesamtheitlich in den arabischen Ländern; 75-100.000 sind es alleine in Deutschland. Dass der Buchdruck in der islamischen Welt im Wesentlichen erst im 19. Jahrhundert  Fahrt aufgenommen hat, gilt als der entscheidende Faktor für den Verlust der kulturellen Führung, die die islamische Welt bis ins späte Mittelalter noch eingenommen hatte. Das erste arabische Buch wurde 1514 in Rom von der Medici Presse gedruckt, der erste Koran 1537 in Venedig. Paganini und sein Sohn druckten die Koran-Exemplare, die allesamt ins Osmanische Reiche exportiert werden sollten, jedoch verloren gingen. Erst 1987 wurde ein Exemplar in einem Kloster auf der Insel San Michele in Venedig gefunden. 1557 wurde die erste hebräische Presse in Ägypten installiert. 1593 wurden die Bücher Ibn Sinas (Avicenna) in Rom übersetzt und gedruckt.
Erst mit 300 Jahren Verspätung wurde die erste arabische Druckerpresse 1733 im Libanon aufgestellt und bis heute ist Beirut das Druckzentrum der arabischen Welt: die interessantesten Neuerscheinungen werden im Libanon publiziert.
Napoleon endlich brachte die bewegliche  Druckmaschine zwischen 1798 und 1801 ins muslimische Ägypten und seither ist Ägypten der größte Produzent und der größte Markt in den  islamischen Ländern. Im Iraq und in Palästina gab es bis 1830 immer noch nichts dergleichen. Trotzdem zählen der Iraq und der Sudan (Analphabetenrate 33%) zu den eifrigsten Leseländern in der arabisch-islamischen Welt.
Der Anteil der religiösen Bücher liegt in den islamischen Ländern bei 17%, dreimal höher als im Rest der Welt. Die Nichtleser unter den arabischen Lesekundigen gaben in einer Umfrage an, dass Lesen ≫harte Arbeit≪ sei und sie deswegen nicht gerne lesen würden.
Was arabische Texte angeht, so gebe ich ihnen Recht. Es ist auch für mich immer noch ein mühseliges Erstklässler-Ge-Eiere, was ich bei meinen Leseversuchen so von mir gebe. Ich persönlich finde die Schrift meistens viel zu klein; wenigstens groß sollte sie sein, wenn es schon keine Druckbuchstaben gibt.
Aber was die kulturelle Führung betrifft, so plädiere ich dafür, Arabisch an deutschen Schulen als Wahlfach einzuführen. Denn wenn die Araber auch keine Bücher lesen, so können sie doch Nachrichten in Französisch und Englisch verstehen,während die westliche Welt diesbezüglich ignorant unterschätzt, wie wichtig es ist, die Stimmungen und Strömungen in der arabischen Welt einzuordnen, gerade beim derzeitig zunehmenden Islamismus.

 

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