Arabisch-Unterricht – enti titkallim 3arabi ?

Hurra! Seit 2 Wochen bekomme ich endlich Unterricht in arabischer Sprache. Die Schule heißt „Horizon“ und weckt bei mir Assoziationen wie „Horizont erweitern“. Ob die Namensgeber das auch so gemeint haben, glaub ich eher nicht. Denn es gibt nicht nur Sprachunterricht, sondern auch Ausbildungen für Kosmetikerinnen, wie mir die am Schwarzen Brett (hier ist es ein Blümchenbrett) öffentlich gemachten Listen der Prüfungsergebnisse (mit vollem Namen!) verraten. Deswegen wimmelt es hier nur so von jungen Mädchen. Außerdem wird noch „Multimedia“ angeboten. Der Sprachunterricht wird mehr von jungen oder jüngeren Männern besucht, für die „Horizon“ vermutlich ein mögliches Licht am Ende des Tunnels (der Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit) bedeutet: Der eine will zu seinem Bruder nach Deutschland, der andere ins Touristengewerbe einsteigen.

 

Da ich schon mitbekommen habe, wie hier unterrichet wird, war ich auf das Schlimmste gefasst. Arabisches Lernen ist traditionell auswendig lernen und nix fragen. Autoritäten werden hier nicht hinterfragt, und eine Autorität ist schon, wer ein bißchen älter ist als der andere. Ist der Bruder ein Jahr älter, kann man vor ihm nicht rauchen, nur als Beispiel.

Ich gehe mit Amir zusammen in den Unterricht, er will Deutsch lernen und ich Arabisch, es ist diesselbe Lehrerin. Josra hat 6 Jahre in Tunis studiert und spricht grammatikalisch perfekt Deutsch. Allerdings mit sehr starkem harten Akzent – und rasend schnell.  Bei der ersten Stunde ist sie nicht auf mich eingestellt, denn ich bin einfach dazugekommen, habe mich an der Rezeption angemeldet und meine Gebühr entrichtet. 30 Dinar für die Anmeldung und 90 Dinar im Monat für 3 x 2 Stunden pro Woche (also Zeitstunden, nicht Schulstunden!). Das sind ca. 26 Euro im Monat. Für einen Tunesier nicht billig., aber für ca. 24 Stunden Unterricht geschenkt – für mich zumindest.
Was ich denn lernen will? Hocharabisch oder den hiesigen Dialekt? Das sind quasi 2 verschiedene Sprachen. Ungefähr so wie Schwäbisch und Hochdeutsch.
Also Arabisch ist ja nicht gleich Arabisch. Ägypter zum Beispiel werden überall verstanden, dafür sorgte und sorgt schon die ägyptische Filmindustrie, deren Serien und Schnulzen in sämtlichen arabischen Ländern laufen. Aber ein Ägypter oder Libanese versteht noch langen keinen Marokkaner. Hocharabisch verbindet zwar alle, es wird in Zeitungen und im Fernsehen, sogar bei Kindersendungen benutzt, aber das sprechen trotzdem nicht alle, vor allem nicht die ältere Generation, in der länderunterschiedlich noch mehr oder weniger hohe Prozentzahlen an Analphabeten leben. Kleines Beispiel: „Komm her“ auf ägyptisch heißt: Ta´ali/ Ta´ala“ (f/m). In Tunesien in Monastir/Sousse heißt es „eesha“. In Zentraltunesien „Hay shee“. Oder „ich komme jetzt“ auf ägyptisch: „Ana gaia dilwaqti“, auf tunesisch „nschi tau“.  „Ich möchte nicht“ auf ägyptisch: „misch awesa“, auf tunesich „nhebbisch“. Also  ein Unterschied wie Plattdütsch und Niederbayrisch, von Hochdeutsch mal ganz zu schweigen….

Nun, Hocharabisch brauch ich ja zum Schreiben, Lesen sowie als allgemeine Basis und den Dialekt, damit ich mal mehr sagen kann als Sabah al Kheir (Guten Morgen), läbäs (gehts gut? alles okay?) und Alhamdulillah (Gott sei Dank).

Ich hab leere Hefte mitgebracht – in weiser Voraussicht – und lege sie auf den Tisch. Falsch. Sie dreht das Heft um: klar, wir schreiben von rechts nach links, also öffnen wir das Heft auch von „hinten“…. Wir machen dann ein paar Buchstaben durch, Konsonanten mit kurzem Vokal und mit langem Vokal, schreiben und sprechen. Da ich so oft es geht, auch mit meinem interaktiven Computerprogramm Hocharabisch übe, bin ich zum Glück keine komplette Amöbe. Dann schreibt sie mir Wörter auf, wo jeweils ein Buchstabe fehlt. Den soll ich einsetzen. Oh mein Gott, woher soll ich wissen, wie das Wort heißt ohne deutsche Übersetzung daneben. Josra versteht, dass das so nicht funktionieren kann. Selbst wenn ich das Wort auf arabisch kenne, es gibt ja 3erlei S (oder vier?), 2erlei H (he, ch), und dann die Thä, Ta, Te und The, die für mich sowieso alle gleich klingen. Zwei Buchstaben sind sogar identisch in der Aussprache: woher soll ich also wissen, mit welchem es geschrieben wird? Netterweise verrät sie mir dann die fehlenden Buchstaben, weil sie merkt, dass ich schon ausgelastet bin, das Wort richtig zu schreiben. Denn 6 Buchstaben werden nur von rechts nach links verbunden, zwei verändern sich gar nicht und der Rest sieht einzeln, am Anfang, in der Mitte und am Ende jeweils unterschiedlich aus. Das heißt, es gibt nicht nur 28 Buchstaben im Alphabet, sondern insgesamt 100 verschiedene Schreibformen. Sie fragt mich, läßt mir aber keine Zeit zum Antworten, sondern antwortet schon selbst, bevor ich noch dazu komme. Sie befiehlt mir, vorzulesen, liest aber alles schneller selbst. Das ist arabische Unterrichtsmethodik. Ich bin ihr nicht böse, sie kennt es nicht anders. Araber benutzen allgemein gerne den Imperativ und sparen sich umständliche Formulierungen wie „Könntest Du/Sie bitte?“ Würdest Du bitte?.. Das darf man nicht persönlich nehmen. Ist einfach so. Manchmal muß ich fünf, sechs, sieben Mal ansetzen, bis sie mir nicht mehr ins Wort fällt…..Von meinen Vokabelkärtchen (eine Seite deutsch, eine Seite tunesisch-arabisch) ist sie beeindruckt. Derlei Lernmethoden sind hier offensichtlich unbekannt. Und natürlich fragt sie jedes Mal, ob ich die Buchstaben jetzt auswendig gelernt habe. Das mach ich natürlich nicht. Denn auf die Art kann ich mir gar nichts merken. Ich übe Wörter schreiben, in isolierten Buchstaben und in Kursivschrift, immer nach dem Motto: irgendwann bleibts schon hängen.
Inzwischen klappt es auch ganz nett mit dem Lesen von einfachen kleinen Sätzchen. Heute z.B. „die weiße Kuh ist im Garten“ oder „ich spiele mit dem Kaninchen im Haus“…..Bis ich dann Nagib Machfus im Original lesen kann wird es sicher noch ne Weile dauern. Doch das Wichtigste ist ja nicht lesen, sondern reden, z. B.: fluchen und Kinder verscheuchen, wenn sie nerven…
…….und im Zweifelsfalle lautet die Antwort auf „Wie gehts?“ immer: Alhamdulillah! Gott sei Dank! Egal, ob Du grade auf dem Sterbebett liegst oder Dir nen Fuß gebrochen hast: es könnte ja noch schlimmer sein!

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Heute bei schnuckeligen 25 Grad (8. April) im Lieblingscafe, Stift und Hefte immer dabei

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