Eine Tragödie zur Ankunft

Die ältere Schwester erwartet uns mit Couscous Mashan (Almashan). Ein Blattgemüse, das aussieht wie Rettichblätter. Die Blätter werden verwendet, solange die Rübchen, die wie weiß-rosa Radieschen aussehen, noch ganz klein sind. Die Rübchen hab ich aber auch schon gekocht, schmecken wie Mairübchen, sehr lecker.

Gegen 17 h sind wir im Haus. Ich hab noch nicht ausgepackt, da ertönt draußen ein anhaltendes Geschrei. Nun, es spielt sich ja viel draußen ab, da bekommt man nicht nur Kindergeschrei mit, sondern auch mal nen handfesten Ehekrach. Nach einer Weile öffne ich vorsichtig das Tor zur Straße. Frauen hasten vorbei, die Straße hoch, wo sich schon einige weitere angesammelt haben. Sensationslust widerstrebt mir ja, zumal wenn ich niemanden kenne. Ich gehe also wieder zurück. Das Geschrei hört nicht auf, irgendwann gehe ich nochmal nach draußen. Inzwischen ist die Straße sehr voll geworden. Meine Schwägerin läuft auf mich zu und bedeutet mir, was passiert ist: Ein Mann hätte sich angezündet und sei jetzt tot.
Der Mann war unser Nachbar. Der Grund: Armut. Ein staatlicher Landarbeiter, der kaum 100 Euro im Monat verdient hat. Die Schwester sagt, dass die Ehefrau Schuld hat….weil er aus Frust wohl öfters das wenige Geld auch noch in Alkohol angelegt hat und es deswegen Streit gab….das Übliche eben, ein Schuldiger muß her. Die beiden konnten sich nicht besonders leiden, ist zu hören.
Nach ca 30 Minuten (gefühlt, auf die Uhr hab ich nicht geschaut) kommt der Sanka.
Das Schreien und Wehklagen geht bis spät in die Nacht und fängt gegen 6 h morgens wieder an. Fausi, so hieß der Mann, hinterläßt Frau und 2, 3 Kinder, die jetzt auf das Almosen hilfbereiter Nachbarn und der Familie angewiesen sind. Auch Ferid hat schon mal die aufgelaufenen Schulden beim Lebensmittelhändler übernommen: solcherart Unterstützung muß dezent geschehen, um niemanden zu beschämen.
Das Klagegeschrei kommt hier nicht von professionellen Klageweibern, wie es in Ägypten manchmal üblich ist. Die werden ja dafür bezahlt, das könnte sich eine arme Familie sowieso nicht leisten.

Gegen Nachmittag ist das Klageschrei einem dumpfen Stimmenteppich gewichen. Ein großer Stapel Plastikstühle wurde gebracht und Männer haben sich entlang der Friedhofsmauer sitzend aneinander gereiht. Da der Friedhof die gesamte andere Straßenseite einnimmt, bekommen wir zwangsläufig alles hautnah mit. Jeder Mann zeigt seinen Respekt oder sein Mitgefühl, indem er wenigsten 10, 15 Minuten hier sitzt. Manche sitzen Stunden: drei Tage lang wird die öffentliche Trauer zelebriert. Später kommt Ferids jüngere Schwester und nimmt mich (auf meinen Wunsch!) zu den trauernden Frauen mit, und bedeutet mir, was ich zu tun habe: Jede Frau, zu der sie mich führt, bekommt zwei Küsse auf die Wangen. Bei einer normalen Begrüßung gibt es vier, deshalb frage ich nochmal, um sicher zu gehen: wahda yimin, wahda yesar? Einer rechts, einer links?

An die hundert Frauen sitzen in Gruppen zusammen. Ich blicke in rotgeweinte Augen, erstarrte Gesichter und irgendwann fang ich auch an zu heulen. Die Distanz, die ich bis jetzt aufrecht erhalten konnte, weil ich ja niemanden kenne, ist schlagartig weg. Da ich nicht auffallen will, hab ich mir ein Higab umgelegt, das Kopftuch, und kann mich nun gut hinter einem Zipfel verstecken. Hinterher bin ich geschafft und froh, dass wir noch in „unser Café“ auf dem Berg fahren. Als wir zurückkommen, ist die Beerdigung vorbei.
Im Islam werden die Toten nach Möglichkeit am selben Tag, spätestens am Tag darauf beerdigt. Nur in ein weißes Tuch gehüllt werden sie, mit dem Kopf nach Mekka zeigend, der Erde übergeben.

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Blick aus dem Café Aliya

Es ist erst der zweite Tag nach meiner Ankunft, aber abends habe ich das Gefühl, ich bin schon eine Woche hier.

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