Warum es grade keinen Couscous gibt…

Gestern brauchte ich farina, Mehl. Als mein Mann vom Einkaufen im kleinen Krämerladen zurückkam, brachte er – unter seiner Jacke versteckt – ein Kilo mit. „Warum so wenig?“ fragte ich entsetzt. Er meinte entschuldigend, dass er das sowieso nur deswegen bekommen hätte, weil wir gute Kunden seien. Mehl sei zur Zeit kaum zu bekommen.
Dasselbe Problem gibt es seit Wochen mit dem Couscous-Grieß (smid) und mit dem Olivenöl. Kürzlich musste mein Mann alle möglichen Läden abklappern, um Smid zu bekommen, weder der feine zum Backen, noch der Couscous-Grieß waren erhältlich.
(Öl haben wir zum Glück unser eigenes, nur im November wird es manchmal knapp, kurz vor der neuen Ernte.)

Natürlich sind das Mehl und der Couscous nicht wirklich knapp im Lande. Sie liegen nur nicht im Laden, sondern werden von skrupellosen Männern gehortet. Täglich findet die „Soko Farina“ Garagen und Hallen, mal kleinere, mal riesige. Erst vor einigen Tagen entdeckte man wieder gebunkertes Mehl und Couscous im Wert von über 2,5 Millionen Dinar. Auch Kartoffeln bleiben nicht davon verschont. Letztes Jahr fand man eine Halle mit hunderten Tonnen eingelagerter Kartoffeln, die dort zum Zwecke des Preistreibens versteckt waren.
Aber es geht nicht nur darum, künstliche Knappheit zu erzeugen, um dann an den gestiegenen Preisen kräftig zu verdienen. Denn Korruption ist in Tunesien sowieso ÜBERALL, wie ein Krebs im fortgeschrittenen Stadium, kaum heilbar. Er befällt nahezu jede Zelle im Staatskörper.
Für einen Job beispielsweise braucht man nicht nur Beziehungen. Da muß man zahlen, entweder einen Teil vom Lohn abgeben oder, wenn man Glück hat, nur ein Schaf spendieren.

Während früher in der Schule die Fotokopien gratis waren, müssen die Eltern jetzt dafür zahlen, indem sie in den Copyshop gehen.
Das von der Regierung bereitgestellte Geld wandert wohin? Genau.
In der Schule werden Nachhilfestunden angeboten, von den Lehrern, gegen Entgelt.
Wer sein Kind nicht schickt, riskiert schlechte Noten. Wo sollen sich die Eltern beschweren? Beim Rektor, der das Ganze absegnet und vermutlich Anteile davon kassiert?

Letzten Sommer wurde endlich die Straße vor unserem Haus geteert. Das Geld dafür war schon vor 10 Jahren bei der Regierung eingegangen, eine internationale Spende. Dort versackte es in den üblichen Kanälen.
Mit dem neuen Präsidenten Kaiis Saied wurde es nun doch noch weitergereicht an den Zielort und damit begonnen, den gesamten Ort von seinen staubigen Buckelpisten zu befreien. Kurz bevor unsere Straße an die Reihe kam, stand die Arbeit plötzlich still. Der Omda (Bürgermeister) oder ein anderer zuständiger Sachbearbeiter (oder beide zusammen) waren der Meinung, bei uns (am Ortsrand) täten es auch Betonplatten. Den Anwohnern war natürlich klar, warum. Die Betonplatten sind um einiges billiger und die Herren wollten sich selbst bedienen, wie vorher die Regierungsbeamten. Mein Mann organisierte eine Unterschriftensammlung. Viele Bürger trauten sich aber nicht mal, hier zu unterschreiben. Die Angst vor Sanktionen steckt aus den Zeiten der Diktaturen noch tief. Jedenfalls: wir bekamen letztlich – mit einiger Verzögerung – unsere Teerstraße.  
So läuft es mit allem. Man kann sich das nicht vorstellen. Als ich herkam, vor gut drei Jahren, fuhr auf der nahen Bahnlinie zweimal täglich ein Zug. Nachdem Kaiis Saied vor etwa sechs Monaten Gafsa besucht und den Betreiber der privaten Transportfirma aus den Phosphatwerken entfernt hatte, fahren wieder sechs Züge am Tag. Wie vorher auch.
Das Phosphat wurde (und wird jetzt wieder) mit dem Zug nach Sfax transportiert zur Weiterverarbeitung. Der Transport war immer schon staatlich. Nach der Revolution ergriff ein findiger Unternehmer die Chance und ließ das Phosphat auf seinen eigenen LKWs transportieren und die Schienen blieben ungenutzt. Die LKWs verstopften die Straßen von Gafsa und verursachten täglich endlose Staus. Das haben wir nun auch los.

Ich lese immer wieder in den deutschen Medien, dass Kaiis Saied sich zum Diktator entwickle und die Demokratie Tunesiens in Gefahr sei. Er entmachtete vergangenen Sommer nicht nur das Parlament, sondern kürzlich auch die Jurisprudenz.
Es ist aber so, dass er anders nichts erreichen kann und nicht vom Fleck kommt. Der Krebs ist ÜBERALL. Das entmachtete Parlament bestand (besteht) überwiegend aus Ennahda-Mitgliedern, also Anhängern der islam(ist)ischen Partei, denen es um Machterhalt, ihre Pfründe und Kontrolle derselben geht. Sie sind so fromme Moslems wie die Parteispezln der deutschen Parteien mit dem C am Anfang fromme Christen sind.
Die Entmachtung einiger Richter war höchst überfällig, da sie mit den Köpfen der kriminellen Banden und Unternehmer verbandelt waren. Viele Menschen befürchten nun einen Anschlag auf den Präsidenten, da sie glauben, die tunesische „Mafia“ werde sich von Kaiis Saied ihre Geschäftsgrundlagen nicht nehmen lassen.

Zurück zum Couscous: Der Sinn hinter der künstlichen Verknappung der Grundnahrungsmittel ist also zum Einen Profitgier. Zum größeren Teil besteht er aber in der Absicht, Kaiis Saied dafür verantwortlich zu machen, dass Mehl und Couscous kaum erhältlich und teuer werden. Um auf diese Art das Volk gegen ihn aufzubringen.  Der Präsident weiß das und das Volk weiß das (größtenteils) auch. Bislang konnte noch niemand einen Keil dazwischen treiben. Auch auf weniger schicken algerischen Handys verbreiten sich die wichtigen Nachrichten im Nu. Die täglichen „Sitzungen“ in den Männer-Cafés tun ihr übriges.

So werde ich mich erstmal mit Kartoffeln eindecken, denn die gibt es grade (das Mehl von gestern ging für die Mittags-Pizzen drauf). Und Nudeln hats ja auch noch. Die Nudel-Connection wurde bisher noch nicht angezapft. Makruna gehen immer!

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